Du.

Du hast nie gewollt, dass ich über Dich schreibe. „Schreibe über jemanden, der deinen Worten gerecht wird.“, hast Du gesagt und dieses verletzte Lächeln auf Deinen Lippen umher getragen. Selten hast Du wirklich frei gelacht, heute verstehe ich das. Heute, an diesem Tag, wird es mir klar, doch jetzt ist es zu spät. Wie konnte das passieren?
Viele Menschen kreuzen meinen Weg, er führt direkt durchs Leben, es gibt keine Möglichkeit ihn zu umgehen, als ob es überhaupt in meiner Hand läge, zu entscheiden, woher ich komme und wohin ich will. Diese vielen Menschen, ungestochene Gesichter, verschwommene Körper, berühren mich nicht. Nur dein Gesicht, immer wieder Du, scharf und markant in meinem Kopf.
Sie kreuzen meinen Weg, und sagen: „Das was passiert ist,tut mir Leid.“ Und diese Floskel, denn mehr ist es nicht, bedeutet nichts, immerhin, was könnte ihnen denn Leid tun?
„Menschen sagen, dass es ihnen Leid tut. Aber ich würde sage: Ich teile deinen Kummer.“, damals habe ich angefangen zu weinen, weil diese Worte für mich so unfassbar schön klangen.
Und heute fange ich an über dich zu schreiben, denn Du, die sich niemals irrte, hat sich doch einmal geirrt. Du bist jedes meiner Worte wert, mehr noch: keines von ihnen kann Dir jemals gerecht werden. So ist es, und nicht anders. Meine Gedanken und Gefühle über Dich in Worte zu fassen, treffend zu formulieren, ist schwer. Immer wieder muss ich innehalten, mich zwingen nicht alles wirr und unverständlich aufzuschreiben, denn in Deiner Nähe fühlte ich mich immer unbeständig wie Schnee, so ist es noch heute.
In diesem Moment sehe ich den Regen draußen auf die Erde regnen, du hast nie verstanden wie Menschen sich deswegen ärgern können.
„Es regnet.“, hast Du gesagt und zufrieden geklungen, „Endlich wieder Regen.“ während unser Nachbar fluchend ins Haus stürzte und brummelte: „Dieser verdammte Regen, wann hört das endlich wieder auf?“
Du, dieser Gegensatz von allem Normalen, hast den Regen geliebt, diese ungemütliche Kälte und die hetzenden Menschen draußen auf den Straßen verachtet, die in stürzender Hast einen warmen, trockenen Ort aufsuchten sobald erste Tropfen die Wege schlammig machten und das Kopfsteinpflaster dunkel färbten.
Ich habe versucht diese klamme Kälte,genauso zu lieben wie Du, aber es war mir nicht möglich, also lief ich immer mit hochgezogenen Schultern neben Dir durch den Regen, und glich jedem Anderen auf den Straßen, außer Dir. Ich konnte einfach nicht anders. Inzwischen ist es Herbst, und ich vermisse die Vögel, die sich sonst immer in dem Baum vor meinem Fenster tummeln. Ich vermisse ihren Anblick, aber ich mache mir nichts vor, sie fehlen mir nur, weil sie mich an dich erinnert haben. Daran erinnert, wie wir beide vor meinem Fenster saßen. „Ein Vogel wäre ich gerne, nicht allein um des Fliegens Willen, sondern wegen ihrer Freiheit.“, hast Du gesagt und dein Lächeln gelächelt.
Dich zu vermissen ist wie nur halb zu sein, Du fehlst mir.

Du hast mich das gelehrt, was für Dich die Welt bedeutete:
Kirschkerne weit spucken zu können, und dennoch habe ich Dich nie darin geschlagen, Steine übers Wasser hüpfen zu lassen, und doch bin ich nie über fünf Aufschläge hinaus gekommen. Das Wichtigste jedoch, habe ich erst nachdem Du fort warst, unwiederbringlich fort, gelernt: dass ich auch irgendwie ohne dich klarkommen muss.
Und heute, wo ich hier sitze und den Regen auf die Erde fallen sehe, verstehe ich Dich, denn ich trage nun Dein Lächeln auf meinen Lippen, finde Regen beruhigend und liebe die Kälte, die er mit sich bringt.
Und ich weiß, dass mein Stein nun öfter aufkommen wird, bevor er im Wasser versinkt.

16.6.11 17:08

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